Soziales Pacing – Zwischen Nähe und Überforderung

Was ist soziales Pacing?

Soziales Pacing bedeutet, bewusst mit sozialen Kontakten umzugehen, um Überlastungen zu vermeiden. Bei ME/CFS kann die Anwesenheit vieler Menschen, Lärm oder auch die Anspannung in Gesellschaft körperlich und mental extrem fordernd sein. Es geht darum, die eigene Energie auch im sozialen Kontext klug einzuteilen – und Grenzen zu setzen, um Crashs zu vermeiden.

Meine Erfahrung – Familienfeste

In den letzten Wochen standen zwei Familienfeste an. Ich hatte mir vorgenommen, hinzugehen – bewusst mit der Entscheidung, die Zeit vorab zu begrenzen. Zwei Stunden waren mein Limit.

Es tat gut, die Familie zu sehen. Menschen, die mir wichtig sind. Die Stimmung war lebendig, die Gespräche intensiv, es war laut.

Auch wenn ich mental vorbereitet war, reagierte mein Körper stärker als erhofft. Ich blieb die geplanten zwei Stunden und ging dann. Als ich zuhause ankam, war ich erschöpft. Mein Kopf war wie benebelt, mein Körper schwer, ich schlief mehrere Stunden und auch an den zwei Tagen danach, konnte ich so gut wie nichts machen, ohne dass mein Puls in die Höhe schnellte. Ich fühlte mich krank, als ob in den nächsten Stunden eine schwere Grippe ausbrechen würde.

Zwischen Nähe und Überlastung

Soziale Kontakte sind wichtig. Gerade bei ME/CFS, wo Isolation ein ständiger Begleiter ist, tun Begegnungen gut – zumindest seelisch. Aber die körperlichen Folgen lassen sich nicht ignorieren. Auch wenn die Zeit begrenzt ist und die Atmosphäre herzlich: Viele Menschen, viele Stimmen, viele Reize – das kann schon nach kurzer Zeit überfordern.

Es ist ein Balanceakt:

  • Sich nicht vollständig zurückzuziehen – aber auch nicht zu lange zu bleiben.
  • Sich auf die Begegnungen zu freuen – aber sich nicht zu überfordern.
  • Das Positive mitzunehmen – ohne die negativen Folgen kleinzureden.

Was ich daraus mitnehme

Ich weiss, dass ich meine Anwesenheit noch gezielter dosieren muss. Vielleicht in kleineren Etappen, vielleicht mit mehr Pausen. Und vor allem: Ich darf mich nicht schuldig fühlen, wenn ich früher gehe. Es ist nicht „sozial unangemessen“, sondern eine Form der Selbstfürsorge. Soziales Pacing ist keine Frage der Willenskraft – sondern des Überlebens.

Die langfristigen Folgen

Was mich besonders beschäftigt: Nach jedem dieser Familienfeste fiel meine Baseline – und sie hat sich bis jetzt nicht mehr auf das vorherige Niveau erholt. Aktuell liegt nicht einmal mehr ein kleiner Spaziergang drin. Das zeigt mir, wie gravierend die Auswirkungen selbst kurzer sozialer Interaktionen sein können. Die Balance zwischen Nähe und Selbstschutz ist schwieriger, als ich gehofft hatte.

Fazit

Nähe ist ein wichtiges Bedürfnis. Aber die richtige Dosierung ist individuell. Manchmal ist es nicht die Dauer, sondern die Intensität, die überfordert. Es bleibt eine Herausforderung, sich diesen Raum zu nehmen, ohne die Verbindung zu verlieren – aber ich versuche, diesen Weg zu gehen.

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