Der 1. April 2022.
Ich weiss noch, wie dieser Tag begann – und wie er geendet hat.
Ich wusste nicht, dass er mein Leben verändern würde. Dass er eine Grenze markieren würde, über die ich nicht mehr zurückgehen konnte.
Der Tag davor
Am 31. März war ich wie gewohnt im Büro. Danach hatte ich einen Termin bei meiner Psychiaterin. Ich war bereits seit Februar erschöpft, irgendwie leer, energiearm. Ich bat sie um ein paar telefonische Gespräche – ich hatte das Gefühl, ich schaffe es kaum noch, mich durch den Alltag zu schleppen.
Aber sie verneinte.
Das sei nur während Corona möglich gewesen, die Krankenkasse bezahle das nicht mehr. Ich solle in die Praxis kommen.
Ich war also dort. Sie meinte, meine Erschöpfung hätte irgendetwas mit meiner Vergangenheit zu tun. Familie, dies, das. Ich versuchte, ihr zuzuhören. Ich wollte verstehen, was sie meinte – aber ich verstand es nicht. Ihre Konzepte, ihre Sprache, sie erreichten mich nicht mehr. Es war, als ob sie von einem anderen Ort sprach, während ich schon längst woanders war.
Ich fuhr nach Hause. Ich war müde, aber ich hatte mich über die Wochen daran gewöhnt.
Der 1. April
Am nächsten Tag hatte ich frei. Alles war soweit okay. Gegen Nachmittag kam mein Partner zu mir. Wir verbrachten Zeit zusammen. Und dann passierte es.
Als hätte jemand den Netzschalter umgelegt.
Mein Körper erschlaffte. Ich konnte plötzlich kaum mehr sprechen. Meine Beine trugen mich nicht mehr.
Es war, als ob mein System in sich zusammenfiel – ohne Vorwarnung, ohne klare Ursache, ohne Worte.
Das Wochenende
Ich lag zwei Tage im Bett.
Ich hatte leichtes Fieber, war vollkommen kraftlos. Ich stand nur auf, um zur Toilette zu gehen, und zweimal, um etwas zu essen. Mehr war nicht möglich. Kein Licht, keine Geräusche, kein Denken. Nur Stillstand.
Ich weiss gar nicht mehr, was ich damals dachte. Vielleicht dachte ich gar nicht viel. Vielleicht war ich einfach nur leer.
Was ich weiss:
Am Montag stand ich auf – und ging wieder zur Arbeit.
Ich funktionierte einfach weiter. So gut es eben ging.
Rückblickend weiss ich: Ich war viel zu aktiv.
Aber ich dachte, ich müsse das sein.
Mir wurde eingeredet, meine Erschöpfung sei psychisch – eine Depression, gegen die man „aktiv bleiben“ müsse.
Also kämpfte ich dagegen an. Ich stand auf, ich ging los, ich machte weiter.
Nicht weil ich konnte – sondern weil ich glaubte, dass genau das der Weg zur Besserung sei.
Damals glaubte ich noch, dass es ein einmaliger Einbruch war. Eine Ausnahme. Etwas, das einfach passiert ist – und wieder vorbeigeht.
Erst in den Wochen und Monaten danach begriff ich langsam:
Das kann wieder passieren. Und es wird auch wieder passieren, wenn ich meine Belastung nicht reduziere.
Drei Jahre später
Heute, drei Jahre später, weiss ich mehr.
Ich weiss, dass dieser Zusammenbruch nicht einfach „psychosomatisch“ war.
Ich weiss, dass es Post-Exertional Malaise gibt. Dass es eine Krankheit gibt, die erklärt, was mit mir passiert ist – auch wenn sie nicht alles lösen kann.
Ich bin immer noch krank. Aber ich bin nicht mehr allein mit dem Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“.
Ich habe Worte gefunden für das, was damals geschah.